FuPa-Portrait über unseren ehemaligen Spieler Bilal Marzouki

Verfasst von Philipp Durillo. Veröffentlicht in Vereinsmeldungen

Bilal Marzouki spricht nicht gerne im Konjunktiv. Hätte, könnte, würde: Solche Wörter kommen im Vokabular des Marokkaners nicht vor. Auch nicht, wenn er auf seine Zeit im Nachwuchsleistungzentrum bei Mainz 05 zurückblickt. Zwei Jahre kickte er dort, in der B-Jugend sowie als jüngerer Jahrgang in der U19. Zeigte gute Leistungen, war zeitweise Stammspieler, machte einen Premier League-Klub auf sich aufmerksam und kam gut mit seinem damaligen Trainer Thomas Tuchel klar. Heute, zwölf Jahre später, kickt Marzouki beim FC Maroc Wiesbaden in der Kreisoberliga. Weit weg vom großen Profi-Business. Und ist glücklich. "Ich glaube an Schicksal. Ich bin froh, dass alles so gekommen ist", sagt er.

Sein Schicksal führte Marzouki vom TuS Dotzheim zum SV Frauenstein. Mit Spielern wie Dustin Ernst, Amin Ahmed, Walid Benmeuraiem oder Lukas Rädisch avancierte der SVF unter Trainer Hartmut Freudenberg zum besten Jugendteam der ganzen Stadt und stieg in die C-Jugend-Hessenliga auf. "Wir haben alles weggehauen", erinnert sich Marzouki. Bei einem Testspiel gegen die U15 von Mainz 05 (Endstand 4:0 für Frauenstein) spielte der Mittelfeldmann derart stark auf, dass er anschließend ein Angebot erhielt - und im Sommer 2008 zu Mainz in die B-Jugend wechselte.

Sternstunde beim Liliencup - Tottenham klopft an

Seine Sternstunde erlebte Marzouki dann ausgerechnet wieder in Wiesbaden - beim Liliencup, einem mit nationalen und internationalen Topteams gespickten U17-Hallenturnier, wurde er Anfang 2009 mit sechs Treffern bester Torschütze des Turniers. Zwei Spielerberater, die eine Verbindung zum englischen Klub Tottenham Hotspurs haben, nahmen Kontakt mit Marzouki auf. Die Hotspurs wollten den begabten 17-Jährigen nach London lotsen. Marzouki sprach mit dem Verein, der ihm anschließend einen Vertrag vorlegte.

Marzouki war überfordert. "Von meiner Familie konnte mir bei solche einer Sache keiner helfen", erinnert er sich. Sein Ex-Klub SV Frauenstein schaltete sich ein, versuchte ihm mit dem Vertrag zu helfen. "Man meinte zu mir, der Vertrag wäre nicht so gut gewesen, weil ich mich sehr lange an den Klub gebunden hätte", erzählt Marzouki.

"Wussten nicht, wo sie mich einsetzen sollten"

Er entschied sich gegen einen Wechsel nach London. Doch auch in Mainz war man sauer über ihn. "Ich war eine Woche krank gewesen, konnte nicht trainieren. Doch man hat mir unterstellt, ich wäre in London gewesen und hätte bei Tottenham mittrainiert", sagt Marzouki. In der zweiten Saisonhälfte war er dann nur noch Einwechselspieler bei den Nullfünfern.

Jedenfalls schien der technisch hochveranlagte Spieler, der auch auf engsten Räumen Lösungen finden konnte, nicht mehr ins enge taktische Korsett der Nullfünfer zu passen. "Die Trainer wussten selbst nicht, wo sie mich einsetzen sollen", sagt Marzouki, den mit seinem damaligen Teamkollegen und Fahrgemeinschafts-Partner Shawn Parker noch heute eine Freundschaft verbindet.

"Tuchel war der Beste"

Im Sommer rückte Marzouki dann in die A-Jugend der Nullfünfer auf. Sein Trainer dort: Ein gewisser Thomas Tuchel, der gerade zuvor mit der U19 Deutscher Meister geworden war. Unter Tuchel blühte Marzouki in der Vorbereitung auf. "Tuchel war der Beste. Er ist fußballverrückt, macht alle Übungen selbst mit." Unter ihm fand Marzouki wieder die Lust am Kicken, die im halben Jahr zuvor ein wenig verloren gegangen war. Weil er sein Vertrauen spürte. "Tuchel stand auf Spielertypen wie mich", sagt Marzouki.

Doch dann wurde noch während der Vorbereitung der U19 im Sommer 2009 der Mainzer Aufstiegstrainer Jörn Andersen entlassen. Tuchel erhielt auf einer Busfahrt mit der U19 den Anruf aus dem Präsidium, dass er die Profis übernehmen soll. Was für Tuchel der Start einer Karriere mit Weltruhm und dem Gewinn der Champions League sein sollte, war für Marzouki gleichzeitig ein schwerer Rückschritt. Denn Tuchels Nachfolger wusste mit Marzouki nur noch wenig anzufangen. Nach einem enttäuschenden Jahr mit nur zwei Einsätzen von Beginn an muss Marzouki das NLZ verlassen - obwohl er als jüngerer Jahrgang noch ein Jahr hätte A-Jugend spielen können.

Al-Wakrah statt Ausbildung

Er ging zunächst zurück zum SV Frauenstein, wo sein ehemaliger Trainer Hartmut Freudenberg die Aktiven in der Gruppenliga trainiert. Während Freudenberg noch versuchte, ihm parallel zum Feierabendkick eine Lehrstelle zu beschaffen, kam Marzouki über Bekannte aus Frankfurt in Kontakt mit einem weiteren Berater - der ihm Probetrainings bei Profiklubs aus Katar vermittelte. Bei Al Wakrah SC spielte er vor, der Klub absolvierte zu diesem Zeitpunkt ein einwöchiges Trainingslager in Bad Nauheim. Er wirkte bei einem Testspiel gegen die U23 von Eintracht Frankfurt mit. Anschließend hoben die Verantwortlichen den Daumen: "Die wollten mich haben", sagt Marzouki. Er selbst wollte auch - und unterschrieb Hals über Kopf einen Fünfjahresvertrag.

45 Grad im Winter

Wenig später saß Marzouki im Flieger nach Doha. Mit 18 Jahren. "Meine Eltern meinten noch, ich solle es versuchen. Ich kam im Winter an, da hatte es 45 Grad. Ich habe erst mal keine Luft bekommen, als ich aus dem Flugzeug gestiegen bin", erinnert er sich. Er bekam dort Wohnung und Gehalt. "Sechs bis Siebentausend Dollar im Monat", laut Marzouki. Peanuts im Vergleich zu dem, was alternde Ex-Stars dort einstrichen, die auch 2010 schon in Katar spielten. Wie beispielsweise Algeriens ehemaliger Kapitän Nadir Belhadj. Aber immerhin eine Menge Geld.

30.000 Dollar Handgeld, damit er bleibt

Doch das Abenteuer wurde schnell zum Albtraum. Der Marokkaner verstand die arabische Sprache nicht, war ganz allein. Fernab von Familie und Freunde verbrachte er einsame Stunden im Emirat. "Am Ende habe ich nur noch geweint. Mir ging es schlecht, ich hatte Depressionen", schildert Marzouki. Bereits nach einem Monat ging es nicht mehr. Er wollte wieder nach Hause, um jeden Preis. Die abrupte Rückkehr klappte - ein Glück. "Einem Bekannten von mir aus Offenbach wurde von seinem Verein der Reisepass abgenommen", sagt Marzouki. Sein Berater versuchte zwar noch, ihm vom Verbleib zu überzeugen. "Sie haben mir 30.000 Dollar Handgeld geboten, damit ich bleibe", schildert er. Doch Marzoukis Wille ist unumstößlich - Hauptsache zurück nach Deutschland, zurück zur Familie. "Mein Berater war stinksauer auf mich. Er meinte zu mir, dass er wegen mir eine Menge Geld verloren hätte. Wir haben den gesamten Flug nicht miteinander geredet", sagt er.

Familie ist eng um ihn herum

Geld ist für Marzouki, der Vater einer kleinen Tochter ist und bei den städtischen Entsorgungsbetrieben arbeitet, sowieso nur noch eine Nebensache. Der Fußball auch. Frauenstein, Biebrich 02, SV Erbenheim, FSV Wiesbaden, Karadeniz, Türkischer SV und FC Maroc: Marzouki hat in den vergangenen Jahren bei einigen Wiesbadener Amateurteams gespielt. Nun will er bei Maroc bleiben, packt dort auch im Verein mit an. Im Verein genießt er das Zusammensein mit den Landsleuten, vorrangig aber das Leben mit Frau, Eltern und der kleinen Tochter um sich herum.

"Familie, Gesundheit, Religion", sind die Prioritäten des gläubigen Muslims, der jeden Freitag in die Moschee geht. "Lieber weniger Geld und weniger Sorgen, als viel Geld und viele Sorgen", sagt er lachend. Und schon gar keine Konjunktive.

Quelle: FuPa.net

#einorteinteaMEINverein

Drucken